Es ist warm. Fast schon heiß. Ich sitze im Schatten einer Konifere auf den Stufen vor unserem Haus, während mein Mann das Auto langsam rückwärts in den Garten fährt. Er steigt aus, hebt unsere Tochter aus dem Wagen und trägt sie zu mir. Sie strahlt und streckt ihre Arme nach mir aus. In Gedanken speichere ich dieses Bild ab. Diese Momentaufnahme.

Ich halte sie fest. Und so sitzen wir schweigend beieinander und genießen den Augenblick. Währenddessen geht die Welt weiter ihren Gang: Das Löwenkind hört sich im Kinderzimmer eine CD an, Herr Anchor telefoniert mit einem Kollegen, die Vögel zwitschern, die Bienen summen und irgendwo in der Ferne röhrt ein Rasenmäher.

Sie dreht mir das Gesicht zu und kuschelt sich an mich. Ich kann sehen wie müde sie ist. Ihre Pupillen sind so klein wie Stecknadelköpfe, ihre Lider flattern. Sie bäumt sich noch einmal auf, nuschelt “Kann iss was anschaun?” und ist auch schon eingeschlafen. Ich bleibe sitzen und blicke in das kleine Gesicht meiner Tochter. Beobachte wie der Wind sanft durch ihre wunderschönen Locken streicht. Um ihren Mund kann ich noch Spuren von Schlumpfeis erkennen und an ihrem kleinen Nasenflügel klebt einen Poppelchen.

Sie schläft tief und fest. Ihre Augenlider öffnen sich ein wenig und ich kann zusehen wie sich ihre Pupillen hin und her bewegen. Das hat sie von ihrem Papa. Ich halte ihre kleine Hand in meiner, streiche sanft über die Narben, die die Neurodermitis vereinzelt auf ihrer Haut hinterlassen hat und frage mich wann mein kleines Mädchen so groß geworden ist.

Zeitsprung

Die Sonne ist untergegangen. Straßenlaternen erhellen das Schlafzimmer. Ich bin noch wach. Meine kleine Tochter wälzt sich unruhig hin und her. Ihre Beine sind unnatürlich warm, dennoch verlangt sie nach einer Decke. Sie friert. Ich kann nicht schlafen, behalte sie im Auge und lese mich durch meine Twittertimeline. Als sie anfängt zu würgen ist es kurz vor Mitternacht. Ich springe auf und hole einen Eimer. Gerade rechtzeitig. Mein Wirbelwind erbricht sich. Wir sitzen auf dem Bett. Ich wiege sie hin und her und streiche ihr die Locken aus dem Gesicht. Einmal muss sie noch brechen, dann ist der Spuk vorbei

Sie möchte nichts trinken, nur liegen und kuscheln. Ihre Beine haben wieder eine normale Temperatur. Ich atme auf und hoffe auf einen einmaligen Akt jenseits von Magendarm. Mein kleiner Wirbelwind wälzt sich noch ein wenig hin und her, setzt sich wieder auf und fragt “Mama, warum ist es dunkel?” “Es ist mitten in der Nacht, mein Schatz. Schlafenszeit.” “Iss bin nich müde” – legt sich hin und schläft wieder ein. Ich lächle. Das ist mein Kind. Mein Mini-me. Sie könnte ja was verpassen während sie schläft. Ich war ganz genauso.

Ich liege neben meinem kleinen Mädchen und beobachte wie sich die Blätter der Bäume sanft im Wind hin und her wiegen. In diesem Moment ist alles so wie es sein soll. Es ist alles gut wie es ist, mit allen Höhen und Tiefen. In Augenblicken wie diesen fühle ich es immer am deutlichsten: Ich bin erfüllt von der Liebe zu meinen Kindern und dankbar für diese wunderbaren kleinen Geschöpfe. Und während ich vor mich hindämmere, höre ich es leise neben mir flüstern: “Mamaaa, ich lieb dich so” …

 

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3 thoughts on “Momentaufnahme”

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