Unser Erstgeborener ist jetzt in dieser Phase der ersten Pubertät – und es macht mich fertig. Er trätzt, stänkert, wird unverschämt und geht ohne nachvollziehbaren Grund bei Kleinigkeiten an die Decke. Wenn er dann losbrüllt, fängt auch das Pfefferchen an zu weinen, weil es ihr einfach zu laut ist.

Handle ich ungerecht?

Es ist Abend. Der Tag hat mich geschafft. Ich liege im Dunkeln und lausche den Stimmen nebenan. Heute bringt mein Mann die Kinder alleine ins Bett. Ich kann heute nicht.

Die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos durchbrechen für Sekunden die Dunkelheit und ich lasse den Tag Revue passieren. Bin ich ungerecht? Messe ich mit zweierlei Maß?

Ich versuche meine Kinder soweit es geht in einer Ja-Umgebung aufwachsen zu lassen. Aber sage ich zu Pfefferchen öfter Ja als zu Sir Salz? Mache ich Unterschiede, weil sie sich noch in der Autonomiephase befindet und er nicht? Sage ich zu ihm öfter Nein? Und wenn ja, warum? Ich liebe meine Kinder gleichstark und vom ersten Augenblick an. Spreche ich ihr einen Welpenbonus zu (ja, ein blödes Wort, ich weiß) oder fühle ich mich ihr anders verbunden, weil sie meine kleine Tochter ist? – Egal, was es ist, ich will das nicht!
Ich will nicht, dass sich Sir Salz weniger geliebt oder ungerecht behandelt fühlt. Ja, das Gefühl empfindet „Nicht zu dieser Familie zu gehören“.

Während ich meinen Gedanken folge, geht die Schlafzimmertür auf und Pfefferchen kommt samt Decke und Kissen zum Kuscheln. Doch ich muss zugeben, was sie kann, ist Gold wert. Wenn ich auch nicht weiß wie, aber sie schafft es immer mich mit den Dingen zu versöhnen und mir die Augen zu öffnen. Wenn sie mich ganz festdrückt, ist es als würde der Schleier fallen und die Antwort liegt klar vor mir.

Größer ist nicht groß, sondern immernoch klein

Mein kleiner Baby-Junge ist zu einem kleinen großen Jungen herangewachsen. Einem Schulkind, das sich in einer neuen und wichtigen Phase seines Lebens befindet.

Er braucht mehr Zeit. Seit Tag ist so voll gepackt mit einer neuen Struktur, viel Sitzen, Konzentration und dem Trubel der anderen Kinder in Schule und Hort. Er braucht mehr Zeit. Mehr Zeit für sich, für seine Bedürfnisse, Zeit mit mir und Zeit dafür auch mal an erster Stelle zu stehen, sich gehen zu lassen und den verständigen und verantwortungsbewussten großen Bruder auch mal für eine Weile an der Tür abzugeben.

Zeit schenken, Liebe geben

Das ist, was nur ich ihm geben kann. Ich kann Zeitfenster schaffen. Ich kann ihm meine Zeit und Aufmerksamkeit schenken, ich kann ihm deutlicher zeigen „Ich liebe dich und ich bin für dich da“. Das sagt sich wunderbar leicht, nur schaffen muss ich es noch im Trubel und der Hektik des Alltags. Die Kleine ist inzwischen eingeschlafen. Ich stehe auf und gehe leise ins Kinderzimmer. Ich betrachte meinen schlafenden Sohn, streiche ihm das Haar aus dem Gesicht und gebe ihm einen Kuss auf die Wange.

Print Friendly, PDF & Email

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Ich bin damit einverstanden.

two + 20 =